Der Ausländerlauf

Nachts um 1 Uhr klingelte der Wecker! Aufgestanden, geduscht, 2 Kaffee getrunken und los! Mit flipflapflipflap-Geräuschen ging es durch die dunklen Gassen des Hutongs hinüber zur Hauptstrasse um ein Taxi zum Treffpunkt zu nehmen. Das ich einmal im Kreis gefahren wurde und statt 15 deshalb 24 Kwai bezahlen musste vergab ich dem Fahrer lächelnd.... Es sollte ein schöner Tag werden!!!
Um kurz nach drei ging es in einer Bus-Karawane drei Stunden lang durch Beijing und die Provinz Hebei und endete im Huangyaguan Dorf in der Provinz Tianjin.
Es war saukalt als wir den Bus verließen, keiner scherzte, alle froren und der erste Weg führte zur Toilette... natürlich waren es keine "schönen Mc Do Toiletten" sondern 5 Verschläge auf der linken und 5 auf der rechten Seite, jeweil nur mit 1 m hohen Wänden unterteilt, so dass die wartende Meute problemlos sehen konnte wo besetzt ist und wo nicht. Gott sei Dank, waren zumindest auch Türen in gleicher Höhe vorhanden... denn es gibt ja auch die andere Sorte von öffentlichen Toiletten: nach vorne hin offen!
Meine Schamgrenze musste sogar noch ein bischen tiefer sinken, als es die Toilettensituation sowieso schon verlangte...denn ich hatte Durchfall... oh man!
Nach und nach versammelten sich die rund 1200 Läufer auf dem "Yin & Yan Square" und froren sich zusammen den Arsch ab. Ich konnte mir nicht vorstellen ohne Jacke zu rennen!!!

Die Massen-Aerobique-Viertelstunde mit zwei schreienden, einheizenden Puppen auf der Bühne half etwas...
Doch endlich gegen halb 8 wurde die erste Ecke des Platzes von den warmen Sonnenstrahlen erfasst und flucks kletterte das Thermometer in den nächsten Stunden auf über 30 Grad.
Es wurde in verschiedenen Gruppen gestartet, damit es auf der Mauer keinen Stau geben würde und um viertel vor 8 ging es auch für mich in Startgruppe 4 los.
Ich machte mir keine großen Hoffnungen auf eine gute Zeit und so ließ ich es locker angehen...
Ich trabte an einem Fluß entlang, über eine Brücke, schnappte mir eine Wasserflasche von der ersten Getränkestation und fing mit dem Aufstieg an: es ging 4,5 km einen steilen Bergpass hinauf. Abwechselnd lief und marschierte ich und merkte, dass ich nach und nach auch die Läufer aus der Startgruppe 3 und 2 überholte...
Dann kam die gefürchtete Mauer mit ihren tausenden von Stufen. Vermutlich waren es die Zwangspausen, die mir ganz gut taten um Energie für kommende km zurück zu erlangen - denn teilweise war die Mauer so schmal und brüchig, und der freie tiefe Fall zu einer Seite leicht möglich, dass überholen verboten war und teilweise nur im Gänsemarsch verschiedene Teilstücke überwunden werden konnten.
Andere Mauerabschnitte warteten wiederum mit megahohen Stufen auf, die besonders beim Abstieg die Beine erzittern ließen...
Die Landschaft war toll - soweit ich das mitbekommen habe. Ich war ja nicht zum seightseeing da!
Nachdem durch 14 Wachtürme gelaufen wurde, befand ich mich für knapp 3 km auf asphaltierter, gerader Strecke auf der ich mein Lauftempo und meinen Atem einem regelmäßigem Rythmus zukommen lassen konnte. Auch hier überholte ich langsam aber stetig einen Läufer nach dem anderen - wobei ich mir sicher war, auf den letzten Kilometern alles heimgezahlt zu bekommen!
Krass war die ca. 1 km lange Schotter-Sand-Straße die zu einem Dorf führte. Hier schien die Luft zu stehen! Wie ein Backofen! Auch kamen mir bereits einige Halbmarathonläufer auf ihrem Rückweg entgegen und ich blickte bewundernd in ihre hochroten Gesichter.
Die Dorfstrassen waren voll von verharrendem Leben: als wenn die Zeit dort stehen bleiben würde: so lange wie die Ausländer durch die gewundenen Lehmstrassen, vorbei an aufgeschreckten Hühnern, hockenden Greisen und wild rufenden Kindern vorbei spurteten.
Die haben bestimmt gedacht wir hätten sie nicht alle! Was muss das auch für ein Anblick gewesen sein! Hundere von Rotgesichtigen in hightech-Ausrüstung preschen für einige Stunden durch ein chinesisches Bergdorf, und bezahlen sogar das halbe Jahresgehaltes eines chin. Bauern dafür!!! Vermutlicherweise genau wegen dieser enormen Startgebühr waren nur super wenige Chinesen dabei (vielleicht 20? Höchstens!). Ich kam mir ganz schön dekadent vor! Was ist das? Ein Lauf ohne Einheimische??? In meinen Augen not political correct!
Nach Verlassen des Dorfes ging es wieder durch den Backofen, der nun durch den aufgewirbelten Staub noch unerträglicher schien. Allerdings wusste ich, dass das Ziel nun näher rückte und war froh festzustellen, dass ich noch Kraft hatte!
Doch: zu früh gefreut! Die Asphaltstrasse zog und zog sich und irgendwann hatte ich keinen Bock mehr zu laufen. Ich dachte "neee! Ich geh jetzt mal ein Stück! Ich kann nicht mehr! Das hört ja nie auf!" Und da es weder Schilder noch eine klatschende Menge gab, war mir nicht klar, dass ich mich bereits auf den letzten 2 km befand!
Natürlich erkannte ich irgendwann die Gegend wieder und als ich einige Läufer im Rücken spürte war mir dann sogar wieder ein kurzer Endspurt möglich.
"Katja Becker from Germany is now finishing the Great-Wall-Half-Marathon!" hörte ich den Moderator durchs Mikro brüllen, klatschende Leute rechts und links, ein überforderter Fotograf schwenkte seine Kamera von Läufer zu Läufer und ein schnaufender Typ versucht verzweifelt mir eine Medaille über den Kopf zu stülpen - was aber aus irgendwelchen Gründen nicht klappte... und
FERTIG!
Da ich nicht das Gefühl hatte 3 Stunden gelaufen zu sein, fragte ich jemanden nach der Uhrzeit und war super überrascht über die 2:20!
Euphorisch schwebend nahm ich eine lange, eiskalte Dusche in einem malerischen traditionellen chinesischen Häuschen (erst später erfuhr ich, dass es auch heißen Wasser gab...) und gesellte mich zurück zur Laufstrecke um die Marathonläufer anzufeuern, die nach bereits gelaufenen 33 km noch eine zweites Mal das anstrengende Stück auf der Mauer bezwingen mussten!!!! Die Armen!
Das Tor hinter ihr war mein Zieleinlauf - sie allerdings muss noch mal rauf auf die Mauer...
Ich genoß noch gut 4 Stunden die Bilderbuchumgebung und die Wettkampfstimmung, bevor ich mich in den Bus zurück setzte.
Obwohl ich zuerst noch heiß aufs Weggehen war, sagten mir meine immer schwerer werdenen Beine und Kopf, dass es Zeit fürs Bett ist, und so sagte ich die lockere Verabredung mit Elke ab. Allerdings wollte ich mir zur Feier des Tages doch noch etwas gutes tun und so ging ich in ein indisches Restaurant, nicht weit von meinem hostel enfernt und aß ein vorzügliches Dal mit leckerem Knoblauch-nan und zwei eiskalten, prickelnden Gin Tonic!
Faaaaaantastisch!



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