Stromlose 14 Stunden

Diesmal wurden wir vorgewarnt: Am Dienstag wird es keinen Strom geben - von morgends 8 bis abends 18 Uhr. Gleichzeitig natürlich fliesst auch kein Hahnwasser, da es mit einer elektrischen Pumpe weitergeleitet wird.
Ok.
Wenn man es weiß, dann kann man sich ja darauf vorbereiten! Vor dem Unterricht füllte ich also einige Behälter mit Wasser und verschwand zur Arbeit.
Es war ein sonniger Tag! Der Campus grün! Und die Studenten hatten viel Interesse und Spass über ihre motivationshemmenden und -fördernden Gründe im Lernprozess zu diskutieren.
Ein bischen brenzlig wurde das Unterrichtsgespräch, als es um die breite Abneigung des politischen Unterrichts ging. Dieser ist Pflicht für alle und besteht aus der Rezitation Deng Xiaopings Idee zur Sozialistischen Marktwirtschaft: seiner Vorstellung von einem Land mit zwei Systemen... Einige wenige sprachen offen ihre Zweifel und Unmut aus - was dann aber in eine komische, angespannte Athmosphäre umschlug. Die sprechenden Studenten bewegten sich auf einem schmalen Grad zwischen der Kritik an der Politik und der Kritik am politischen Unterricht an der Uni .
Plötzlich fiel mir die Existenz des Arbeitslagers nur 10 km von Qinhuangdao ein und die Konsequenzen für politische Revolutionäre...und so lenkte ich das Unterrichtsgespräch sachte auf den nächsten Kurs der nicht gemocht wird: Mathematik! Sicheres Terrain! Da kann ich sogar mitreden! Nicht wahr - Herr von Radzewski?????????? :-)
Kleine Anekdote gefällig?
Mein Vater musste, als ich in der Mittelstufe war, zum Elternsprechtag - zu besagtem Mathematiklehrer Herrn von Radzewski. Normalerweise ging ja immer meine Mutter hin, aber die hatte keine Lust mehr sich wegen meiner ständig zwischen 4 und 5 schwankenden Noten (in Mathe! nur in Mathe!!) anmeckern zu lassen.
Herr von Radzewski, dieser große bärige Mann mit winzigen Augen, dicker Brille und nach vorne gekämmten strähnigem, dünnen Haar saß nun meinem optimisitsch dreinblickenden, unvorbereitetem Vater gegenüber und sagte:
"Herr Becker! Es geht nicht darum, ob ihre Tocher eine 4 oder eine 5 im Zeugnis bekommt. Nein! Es geht darum, ob sie eine 5 oder eine 6 in Mathe bekommt! Wenn sie nur halb so viel Energie in die Mathematik stecken würde, wie sie sie in die Schülerzeitung, das Schulorchester oder ins Theater spielen steckt - würde sie auf 2 stehen!"
Tja, und dann gab es Nachhilfeunterricht von einem ostfriesischen Maschinenbaustudenten mit eisblauen Augen, der mich auf Unipartys schleppte! Danke, Herr von Radzewski! :-)
Da es keinen Strom gab, konnte ich auch nicht den ganzen Tag am Computer arbeiten, denn das Akku würde ja innerhalb 3 oder 4 Stunden leer sein. Internet funktionierte natürlich auch nicht... und so korrigierte ich die Hausaufgaben zu dem Film "Die fetten Jahre sind vorbei" und musste schmunzeln, da aus dem Film mit revolutionärem Gedankengut, ein "Liebesfilm zwischen den beiden Jungen Jan und Peter" gemacht wurde und der entführte deutsche Millionär Herr Hardenberg, erhielt den Vornamen "Ali".
Den ganzen Tag beschäftigt, fiehl mir der Strommangel kaum auf, da der Gasherd mich weiter mit Kaffee versorgen konnte - doch als es anfing zu dämmern wurde es lustig! Und da wurde auch klar, dass der Stromausfall länger dauern würde als lediglich die angesagten 10 Stunden...Wo ist der Schlüssel? Wo das Geld? Wo die Strickjacke?
Wir gingen Essen und alle Restaurants auf der Uni-strassenseiten schauten im Kerzenschein richtig romantisch aus! Es wurde mir wieder einmal bewusst, wie unheimlich kalt und ungemütlich das Neonlicht ist, was ansonsten überall die Läden erhellt und ich freute mich über den anhaltenden Stromausfall.
Bis kurz nach 10 saßen wir in der "Xinjiang-Küche" und Angelo wurde immer ärgerlicher, da er gerne geduscht hätte! Kann man nachvollziehen! Immerhin ist es ein heißer Tag gewesen...
Doch kaum waren wir alle wieder in unseren Schachtelwohnungen und ich hatte endlich das Feuerzeug gefunden mit dem ich die Kerze anzünden wollte, als - plop - alles wieder funktionierte.
Nun eine Frage an die hauswirtschaftlich gebildeten: 1 kg Hühnercurry sind natürlich innerhalb der 14 Stunden ohne Strom aufgetaut und nun wieder eingefroren. Kann ich es trotzdem irgendwann noch mal auftauen und essen?


































