Mittwoch, November 08, 2006

Die Thermoskannen (oder: Die Geschichte des Wasserkruges)



...und jeden Abend vor dem Schlafengehen erzählte mir Großmutter die gleiche Geschichte:
"Zur Zeit der Tangdynastie, als das Gras sich noch samt-grün um die Hügel spannte und die Teeblätter in der Schale noch respektvoll den schlürfenden Lippen wichen, gab es ein kleines, pummeliges Mädchen: Aihua, Tochter des Schweinehirten.
Mit ihren runden, roten Bäckchen stapfte sie jeden Morgen hinunter zum Fluß um frisches Wasser für die Mutter zu holen.
Dies war ein beschwerlicher Weg, der über Stock und Stein führte und nicht selten schlitterte Klein Aihua über den glitschigen Lehmweg, verlor das Gleichgewicht und purzelte zum Flußufer hinunter. Dort würden schon lachend die Nachbarsjungen auf sie warten, die nur darauf aus waren sie zu ärgern. Sie zogen an ihren roten Schleifen im Haar, zwickten ihr in die dicken Ärmchen und entrissen ihr den Wasserkrug.
Wenn sie es leid waren und sich von dannen trollten, konnte Aihua das Wasser schöpfen und sich wieder auf den mühevollen Heimweg machen.
Ihre Mutter fing jedes mal an zu schimpfen, wenn Klein Aihua völlig verdreckt wieder zu Hause ankam und schickte sie wütend in die Scheune zu den Schweinen.
Dort tröstete das kleine Mädchen sich an den warmen Tierleibern und weinte sich in den Schlaf.
Da begab es sich, dass ihr im Traum die Flußgöttin erschien und ihr zuflüsterte:
"Kleine Aihua! Weine nicht! Stelle heute nacht den Wasserkrug draußen vor die Tür und all dein Kummer wird vergessen sein!"
Da wachte Aihua auf, rieb sich erstaunt die Augen, schüttelte den Kopf und rannte hinaus in den Hof.
Des Nachts jedoch, entsann sie sich der Worte der Flußgöttin und - vorsichtshalber, denn man kann ja nie wissen, stellte sie den Wasserkrug, unentdeckt von der Mutter, vor die Tür.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte und aus dem Haus hinauslief, traute sie ihren Augen nicht: der Krug war voller Goldtaler!
Was für eine Freude!
Vorbei das beschwerliche Leben, vorbei der Gram!
Und noch heute stellen die Hoffnungsvollen ihren "Wasserkrug" vor die Tür und träumen von einem besseren Leben..."