Eine Bildergeschichte

Es ist kalt geworden in QHD. So wie in Berlin. Nicht anders zu erwarten: Mitte Oktober, im Nordosten von China, einer Stadt am Meer.
Mein Aufenthalt in Beijing hat mir noch einmal bewusst gemacht wie sehr ich mich gegen "das gemachte Nest" hier wehre. Also, innerlich gesehen. Das - für China typische - Universitätsgelände, das man nicht verlassen muss, wenn man nicht möchte: Denn es gibt hier alles: Supermärkte, Sportanlagen, Ärzte, kleine Händler für Chrysantemenbüsche, Schuheinlagen und kandierten Äpfeln. Sogar einen wunderbar romantischen See mit einer kleinen Brücke, die Ausländern bestimmt den Ausruf entlockt:"Genauso hab ich mir China vorgestellt!" - gefolgt mit einem zufriedenen Grinsen, ... gibt es hier.
Meine Wohnung in einem Hotel mit Fließenboden und Kakerlaken und Käfern an den Vorhängen die Nachts, wenn sie runterfallen ein klackendes, klickendes Geräusch auf dem Fließenboden hinterlassen.

Mein Leben beschränkt durch Regeln die nicht in meine demokratische, individualistische Lebensvorstellung passen.
Und so kämpft der Löwe (mein Sternzeichen "in der Sonne") mit dem Steinbock (mein Sternzeichen "im Mond")und lässt mich hin und hergerissen sein.
Der Löwe will selbstbestimmt zwischen einheimischen Nachbarn sich in einer -wenn auch kleinen so doch meinen- Wohnung räkeln, sich Stinketofu um die Nase wehen lassen und mit dem Shifu (dem "Hausmeister" und "Wachmann" eines Wohnblocks)über die gestiegenen Strompreise meckern.
Der Steinbock dagegen, vernünftig und strebsam wie er nun mal ist, sitzt jeden Tag am Schreibtisch und lobt, dass man sich um nichts kümmern muss und so vorzüglich an der Magisterarbeit arbeiten kann. Er ist es auch, der immer wieder von neuem dazu auffordert die momentane Lebenssituation toll zu finden... Und er gewinnt auch hier und da. Wenn ich über den Campus laufe und ältere Menschen im Park zur Musik aus einem Transistorradio Gymnastikübungen machen sehe, die 100 Kinder im Kindergarten nachmittags um 16 Uhr in 10er Reihen stehend singen höre, bei der Gemüsehändlerin duftende Birnen erstehe und ein paar chinesische Datteln dazu bekomme... dann, ja dann, bei blauem Himmel - so wie heute, ist es schön.
Aber gestern siegte der gekränkte Löwe:
Endlich hatte er sich einen freien Tag erkämpft, nach so viel Hintern-Platt-Sitzerei wollte er raus! Was erleben! Zuerst wurde am frühen Morgen 13 km gelaufen - da sah es zwar grau aus, aber, halt nur grau - sonst nichts.
Nach der Dusche allerdings, war es am stürmen und am regnen - doch der Löwe wollte partou nicht noch einen Tag im Aquarium verbringen und stürzte gestylt hinaus in den tobenden Sturm.

Es war eiskalt! Der Wind, der ins Gesicht peitschende Regen!
Einiges was ich mir vorgenommen hatte machte ich: Webcam kaufen, nach Büchern gucken, Stifte und Heft besorgen... aber nach 4 Stunden war ich derartig durchgefroren, dass ich nur noch nach Hause wollte: im Bett DVD gucken. "Und mit keinem Reden! Und wehe jemand ruft an! Ich geh nicht dran!"
Es rief auch keiner an, was dann gekränkte Gedanken à la "Ist ja klar, entweder es rufen alle am gleichen Tag an, oder wochenlang keiner!!!" hervor rief. - oh, oh böser, böser Löwe!!!
Der "Englische Patient" ließ mich bei der Badezimmerszene, wo sie zu ihm in die Badewanne steigt, schmachtend zurück.
Heute morgen begrüßte mich dagegen ein strahlend blauer Himmel und ich fand Balance:

Zuerst strebsames Arbeiten und nachmittags Muscheln sammeln am Strand. Es war wunderschön! Es ist ein ungewohntes Gefühl am Meer zu leben. Als ob man sich daran gewöhnen muss, es als Teil einer immer vorhandenen Umgebung zu akzeptieren. Jedes Mal wenn ich dort bin denke ich: "Ah, das Meer!" - wenn ich dagegen im Wald bin, dann ist es nicht das "Wow"-Gefühl welches dominiert, sondern das des "Eins"-seins. Vielleicht weil ich in einer Stadt mit über 50% Waldanteil aufgewachsen bin... Ich das Waldmädchen, ha, ha. Tja, so habe ich in den letzten Tagen wieder was über mich gelernt: Erstens: Ich bevorzuge Authentizität vor Sicherheit und Bequemlichkeit und zweitens: Meer ist zwar cool, aber Wald ist grüner.
P.S. Irgendwie stimmt das ja auch wieder nicht: Wenn ich sage dass ich Authentizität vorziehe - das an der Uni hier ist doch authentisch! Authentisch für 1365 Vollzeit Lehrer und 32 000 Studenten, plus dem gesamten Personal... und das alles auf 850 000m2. Was also meine ich mit Authentizität?

1 Comments:
Schön geschrieben...
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