Eine feuchte, graue Wärme verabschiedete sich von mir in Shanghai. Ich wusste, zurück in Qinhuangdao würde ich sie bald vermissen...
So stieg ich vollgepackt nachmittags um kurz nach 3 in den Zug: Kategorie "Hardsleeper", oberstes Bett, Reihe 15, 33EUR, planmäßige Ankunft nach 16 Stunden, also Montagmorgen um 8.
Das Gedudel aus dem Lautsprecher ging mir schnell auf den Geist, so steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und schaute auf die gelb-grau an mir vorbei ziehende Landschaft.
Ganz schön lang war ich weg! Die 10 Tage vergingen wie im Flug!
Leider nicht die knapp 4 stündige Zugreise bei 9 Grad von Qinhuangdao nach Tianjin...
Dann Sightseeing in Tianjin (Shi-Familienresidenz, europäische Architektur und chinesische Altstadt, "Carrefour", der französische Hypermarket - in welchem ich Zutaten für ein Curry gekauft habe (mmhhhh, darauf freu ich mich schon!), ... was fällt mir noch ein zu Tianjin?...Kälte - und viel gelaufen! Ach ja: und die super tolle, heiße, starke Dusche!!)
Luxusfahrt im Luxuszug nach Shanghai. Spaziergang durch die Strassen. Neonlichter, berühmte Marken, trendy angezogene Menschen, viele Ausländer, endlich wieder Weingummi...
Und dann das Lektorentreffen von Dienstag bis Samstag. Viel gelernt, viel zugehört, viel smalltalk... zu viel smalltalk... leider keine tolle Dusche... keine Privatssphäre, aber: viele Visitenkarten von mehr oder weniger wichtigen Leuten.
Ein bischen doof kam ich mir da ja schon vor: Als der berühmte Historiker Prof. Dr. Folker Reichert mir seine Karte am Frühstückstisch zuschiebt und ich, im Gegenzug, auf ein Stück Papier meine (tolle, da ja soooo seriös klingende) email-Adresse kritzel (kemiinchina@...)...peinlich. Vielleicht sollte ich mir mal eine spießig klingende zulegen! (und ne Visitenkarte...? Wenn ich groß bin!)
Ach, da fällt mir die Galerieeröffnung des Künstlers Walker Xue ein, welche im deutschen Konulat stattfand! Fotos auf Leinwand von Menschen aus Xinjiang. Die Attraktion der Bilder wurde allerdings fast von der Begeisterung über das deutsche Buffet abgelöst: Buletten, Kartoffelsalat, Marmorkuchen, Schnittchen mit Käse, Salami, Putenbrust... dazu vorzüglicher Rot- und Weißwein. Wo man alles als Ausländer so reinschlittert, oder? Galerieeröffnung im deutschen Konsulat, und dann steht man da mit seiner Stulle in der Hand neben dem Konsul (ohne Turban) und anderen Reichen und Schönen..
Ausflug nach "Luchao - Aus einem Tropfen geboren. Entstehung einer Hafenstadt für 800.000 Einwohner im Südosten von Shanghai". Die deutsche Firma, die das ganze entstehen ließ / lässt [gmp (Architekten von Gerkan, Marg und Partner)] ist übrigens etwas zu bedauern: stellt euch vor, ihr habt `nen super designtes Projekt: die Höhe der Häuser, die Farben und Materialien - einfach alles passt zusammen und dann: plötzlich wird mitten hinein ein kitschiger (nicht funktionierender) Leuchttum gesetzt, da die Chinesen finden: wo ne Küste ist, gehört auch ein Leuchtturm hin! Oder: Klötze aus Glasbausteinen, die die Architekten zur Weißglut gebracht haben, da sie so gar nicht ins Konzept passen (die werden jetzt als Toilettenhäuschen benutzt).
...
So schwebten meine Gedanken von einem Bild zum nächsten - bis ich gegen 20 Uhr auf das oberste der drei Betten stieg.

Aber: WAS für eine Nacht! Unglaublich! Ich vermute, dass ein Treffen der "Anonymen Schnarcher" in Shanghai stattgefunden hatte - à la: "Ich schnarche - na und!?" - Selbsthilfegruppe. Und die Seminarteilnehmer waren alle um mich herum verteilt. Wirklich! So etwas habe ich noch nie, niemals erlebt, oder besser gesagt: gehört! Und was für Unterschiede es gibt:
Der Mann neben mir (Reihe 16, oberstes Bett) hat total ordinär klingend und vor allem laut (!!) geschnarcht, so dass ich nach 2 Stunden auf die Idee kam, meine Position zu ändern, also praktisch meine Ohren an seinem Fußende zu haben, statt direkt den Schallwellen ausgeliefert zu sein... der unter ihm (Reihe 16, mittleres Bett), also schräg unter mir, dagegen grunzte sehr tief und der, hinter der dünnen Trennwand neben mir (also Reihe 14, oberstes Bett) hat so geschnarcht, dass meine Matratze vibrierte. Wirklich! Die hat echt vibriert. Unglaublich!! Ich vermute, dass auch er "falsch" herum schlief, so dass der Ursprung dieses vibrierenden Schnarchens nur wenige Zentimeter von mir entfernt sein musste. Zwischen 1 und 6 Uhr habe ich den MP3 Player laut laufen gehabt - komischerweise konnte ich mit Musik dann endlich auch schnarchen - ähm, schlafen!
Als ich um halb 8 hinunterkletterte und ins Graue blickend meinen bitteren Kaffee trank, erkannte ich, dass der Vibrationsschnarcher eine Frau war!! Sie setzte sich dann aber zu mir an den kleinen Tisch am Gang und wir wurden für die nächsten 3 Stunden die besten Freunde.

Mein Zug hatte nämlich Verspätung und so kam ich erst um halb 11 in Qinhuangdao an, wo mich frische Luft, eifrige Taxifahrer und brummige Busfahrkartenverkäuferinnen begrüssten.